„Wir investieren leider eher in Excel-Tabellen als in Ideen“

„Wir müssen Gründen als echte Karriere-Option etablieren“, sagt Lea Sophie Cramer. Im SUITS. Talk mit Claudia Otte spricht die AMORELIE-Gründerin über Start-up, Leadership und Unternehmertum in Corona-Zeiten und darüber hinaus.

Frau Cramer, was treibt Sie – in wilden Zeiten wie diesen – gerade an?

Mein grenzenloser Optimismus und meine Veränderungswütigkeit! Ich sehe in jeder Krise auch eine Chance zur positiven Disruption. Endlich kommt bei der Digitalisierung Bewegung in Bereiche, in denen bisher viel verschlafen wurde, zum Beispiel in Schulen oder Behörden. Konventionelle stationäre Business Modelle müssen den Wandel zu Online schaffen. Als leidenschaftliche Digital-Unternehmerin finde ich das einen spannenden Prozess, den wir gerade beobachten können.

Was kann nach einer erfolgreichen Sextoys-Revolution eigentlich noch kommen?

Hoffentlich viele weitere erfolgreiche Revolutionen. Was mich bei AMORELIE immer angetrieben hat war das Verschieben von gesellschaftlichen Grenzen. Wir haben das Liebesleben enttabuisiert und es als integralen Bestandteil des eigenen Lifestyles etabliert. Darauf bin ich stolz. Gleichzeitig gibt es andere Bereiche, in denen wir gesellschaftlich noch viel zu tun haben: Die mangelnde Financial Literacy von Frauen ist zum Beispiel ein Thema, das mich gerade umtreibt.

Sie waren gerade 25 Jahre, als sie zusammen mit einem Partner AMORELIE gegründet haben. Wie ist es Ihnen als junge Frau im Investoren-Dschungel damals ergangen? Was waren die Hürden, die Sie als Start-up Gründerin nehmen mussten?

Die Herausforderungen bei der Gründung waren für mich genau die gleichen wie die meines männlichen Mitgründers: Wir mussten lernen, Leute zu führen, ein funktionierendes Team zu bauen und unsere Rolle finden, um als CEOs auch Chief Motivational Officer zu sein. Gleichzeitig mussten wir Investoren überzeugen und ein Business Modell für einen tabuisierten Markt finden, in dem man noch nicht mal wirklich Marketing betreiben durfte. Weil Sextoys in der Werberegulierung gleichauf mit Glücksspiel, Tabak, Waffen und Alkohol rangieren. Den Investoren musste immer klar sein: Sie investieren in ein gleichberechtigtes Team. Als in einem Gespräch ein Investor permanent nur meinen Mitgründer angeguckt hat, habe ich irgendwann gesagt: “Sie machen das sicherlich nicht absichtlich, aber sie müssen anfangen mich anzugucken. Ich bin nicht das PR-Gesicht der Firma, sondern eine der zwei Geschäftsführer der Firma, in die Sie investieren möchten”. Das hat geholfen, und wir sind heute noch vertraut.

Sexspielzeug gesellschaftsfähig machen – was brauchte es da, neben der guten Idee, noch zum Erfolg als Unternehmerin?

Begeisterungsfähigkeit, Biss und strategische Kreativität! ‚Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines‘, hat schon Albert Einstein gesagt. Also: Nur wer sich in seine Idee verliebt und das auch ausstrahlt, kann andere von der Idee überzeugen. Biss ist das A und O. “Geht nicht, gibt’s nicht” ist im Startup das wichtigste Motto. Bei einem “Nein” wird nicht aufgegeben, sondern überlegt: “Wie würde es denn trotzdem gehen?”. Ein Dickkopf und etwas Starrsinn helfen. Außerdem gehen Gründer, wenn es hart wird, in den Wind und kämpfen sich durch Unwetter durch. Als Gründer muss man kreativ und dynamisch sein und sich Veränderungen anpassen. Man muss neue Ideen entwickeln, Innovationen erkennen und technologische Entwicklungen optimal einsetzen. Für diese strategische Kreativität braucht es Flexibilität im Kopf.

Warum sind Sie Ende 2019 bei AMORELIE ausgestiegen?

 Ich habe mir immer vorgenommen zu gehen, wenn eigentlich alles in mir sagt: ‚Bleib!‘ Das war 2019 der Fall. Wir hatten spannende neue Projekte und Märkte gelauncht und Kooperationen mit Partnern wie Douglas gestartet. Gleichzeitig wusste ich, die Firma braucht jetzt für die nächste Phase von Internationalisierung und Skalierung jemand anderes als mich. Unser wichtigster Wert bei AMORELIE war immer: ‚No Ego. Company First. Always!‘. Das wollte ich vorleben. Mit der Apple-Managerin Claire Midwood hatten wir die perfekte Besetzung für die CEO-Rolle gefunden. Ich konnte mit absolutem Vertrauen gehen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben zwei kleine Kinder zuhause. Ist das Muttersein mit Ihrem Unternehmergeist doch nicht so leicht vereinbar?

Stellen Sie diese Fragen den Männern auch? Im Ernst: Ich bin leidenschaftliche Unternehmerin und Mutter. Es ist nie einfach, alles unter einen Hut zu bringen und bei uns funktioniert das auch nur mit einem großen Supportsystem von Großeltern, Aupair und so weiter. Mir ist vor allem wichtig, dass ich meinen Kids vorlebe, dass sie alles sein können – Herzblut-Unternehmer, Vollzeit-Eltern, was auch immer ihr Traum ist.

Wie sollte man in diesem Zusammenhang Leadership neu denken?

Als Führungskraft sollte man seinem Team dienen. Das heißt auch: So viel es geht möglich machen, damit jeder sein volles Potenzial ausschöpfen kann. Für arbeitende Eltern heißt das Flexibilität ermöglichen, Verständnis zeigen, Rahmenbedingungen schaffen, in denen man Kids und Job gut vereinen kann. Bei AMORELIE haben wir über 70 Prozent Frauen in Führungspositionen, wir organisieren Notfall-Nannys und haben sogar schon mal über die Einrichtung einer Betriebskita diskutiert. Leadership meint hier: Fragen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen, um ihre Leistungsfähigkeit auszuschöpfen.

Heute sind Sie selbst Investorin und immer noch so gut wie allein unter Männern…

Es ist ein echtes Problem, dass es so wenig Investorinnen gibt. Erstens macht das wirtschaftlich keinen Sinn, da diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen. Und natürlich weil Frauen über 70 bis 80 Prozent der gesamten Konsumausgaben entscheiden und deshalb eine unglaublich wichtige Rolle beim Verständnis von Produkttrends einnehmen. Zweitens sehe ich schon einen Zusammenhang, dass der Mangel an weiblichen Investoren auch zu einem Mangel an Investments in von Frauen geführte Startups führt. Weniger als ein Prozent des Venture Capitals in Europa geht laut Atomico an von Frauen geführte Startups! Das liegt vielleicht auch daran, dass es unbewusste Vorurteile gibt, oder dass männliche Investoren bestimmte FemTech-Produkte nicht verstehen.

Wie steht es um die deutsche Start-Up-Szene? Braucht Deutschland mehr Gründergeist?

Der Gründergeist ist in Deutschland echt unterentwickelt. Das kann man schon bei den Investoren sehen. Während die Amerikaner ‚Think Big‘ mit der Muttermilch aufsaugen, überwiegen in Deutschland die Bedenkenträger. Wenn es noch keinen bestätigten und soliden Business Case gibt, sieht es mit Investitionen ganz schlecht aus. Wir investieren hier eher in Excel-Tabellen als in Ideen. Aber auch bei potenziellen Gründerinnen und Gründern sehe ich noch Aufholbedarf: Wir müssen Gründen als echte Karriere-Option etablieren. Nicht nur für die BWLer. Wer aus der Uni kommt, sollte das Unternehmertum genau wie die Konzern-, Beratungs- oder Öffentlicher Dienst-Laufbahn kennen und in Betracht ziehen.

Bedroht die Corona Krise eine ganze Generation junger Unternehmer?

Startups wurden in den Rettungsschirmen der Politik lange vergessen. Erst durch den Druck des Startupverbands gibt es nun endlich Unterstützung, vor allem für VC-finanzierte Startups. Die Bedrohung ist gerade für viele kleine Startups existenziell; auch weil sie keine Bankkredite bekommen können. Mich hat beeindruckt, dass viele Gründerinnen und Gründer trotzdem nicht den Kopf haben hängen lassen, sondern zum Beispiel mitgeholfen haben, Schutzbekleidung oder Atemmasken zu produzieren oder die Entwicklung der Corona-App zu pushen. Das war für mich mal wieder ein Beweis, warum wir die Startup-Szene so dringend brauchen und warum mein Herz an ihr hängt. Nein, Unternehmertum wird es immer geben und vielleicht in Krisenzeiten sogar noch notwendiger als vorher.

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