„Die Leitwölfe heulen anders“

Elke Benning-Rohnke erklärt im Interview mit SUITS., weshalb Frauen in Aufsichtsräte gehören.

SUITS.: Warum gehören Frauen in den Aufsichtsrat, Frau Benning-Rohnke?

BENNING-ROHNKE Warum fragen wir denn nicht: warum gehören Männer in den Aufsichtsrat? Gemischte Teams sind bessere Teams. Mittlerweile gibt es zahlreiche und auch langjährige Studien, die nahelegen, dass Unternehmen, die Frauen in Führungspositionen haben, wirtschaftlich erfolgreicher sind. Die Innovationskraft der Unternehmen steigt und Frauen verändern das Klima positiv. Die Leitwölfe heulen anders, wenn eine Frau dabei ist. Man hört einander besser zu, trommelt vielleicht etwas weniger laut, kommt mehr von der Sache. Die gesamte Kommunikation verändert sich zum besseren, das bestätigen mittlerweile viele Aufsichtsratsvorsitzende.

SUITS.: Wenn das so ist, warum haben wir dann immer noch so wenige Frauen in den Top-Positionen?

BENNING-ROHNKE: Da ist zum einen die Tendenz der Beförderung nach dem Modus der Selbstähnlichkeit. Und zum andern wirken Sterotype in der Beurteilung von Verhalten. Der ideale Karriere-Kandidat ist männlich, groß, schlank, hat eine Ehefrau im Rücken, die die Kinder und das Haus managt. Er heißt in Deutschland oft Michael oder Thomas. Sein Verhalten entspricht dem Stereotyp des ‘tollen‘ Mannes und das deckt sich mit dem einer erfolgreichen Führungskraft. Das Sterotyp einer ‘tollen‘ Frau hingegen deckt sich wenig mit den Eigenschaften einer guten Führungskraft, die zum Beispiel ja auch in bestimmten Situationen durchsetzungsstark und fordernd sein muss. Es ist natürlich sehr nachteilig, dass Selbstähnlichkeit und Stereotype Besetzungsprozesse beeinflussen, denn dadurch sehen Unternehmen viele Talente nicht. In den USA[EB1]  wurde bei der Besetzung eines Orchesters ein kleiner Test gemacht, der dieses Muster der Einstellung von Personal nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit offenbart hat. Hier wird hinter dem Vorhang probegespielt und es herrscht ein Schuhverbot– seitdem die Juroren auf diese Weise blind gemacht wurden, hat sich dort die Anzahl der weiblichen Orchestermitglieder deutlich erhöht.

SUITS.: Was sind ihre größten Stolpersteine für Frauen?

BENNING-ROHNKE: Neben den eben genannten Aspekten kommt hinzu, dass Frauen oft gerne  gefallen wollen. Dieses Gefallen wollen ist tief verankert. Nur, damit kommt man nicht zwangsläufig nach oben. Im Gegenteil, Frau wird zwar als stets fleißige und zuverlässige Mitarbeiterin wahrgenommen, jedoch die erforderliche Führungsstärke traut man ihr nicht zu. Zeigt sie jedoch ein Verhalten wie ihre männlichen Kollegen, wird ihr das jedoch auch weniger zugestanden, da sie ja eine Frau ist.  Ein Dilemma, das jedoch heute schon einige CEOs erkannt haben und Maßnahmen gegen die unterschiedliche Beurteilung des gleichen Verhaltens ergriffen haben. Der Weg auf eine Top-Ebene findet selten in der Sänfte statt, und ein dickes Fell gehört dazu. Da Frauen gemeinhin selbstkritischer sind, was an sich ja sehr positiv ist, ignorieren sie Kritik weniger und sie schreien sie nicht so schnell „hier“, wenn es um Besetzung einer Position geht. Es ist belegt, dass Männer sich im Allgemeinen mehr zutrauen, und sich nicht selten überschätzen.

SUITS.: Sie sind selbst ja ein gutes Role Model. Karriere, Kinder, Mann – alles da bei Ihnen. Welches waren in Ihrer Laufbahn die Herausforderungen?

BENNING-ROHNKE: Neben den üblichen Herausforderungen, die ein beruflicher Aufstieg mit sich bringt, der Besonderheit oft als einzige Frau unter lauter Männern eine Position zu behaupten, ist die Vereinbarung von zwei Karrieren und eines harmonischen Familienlebens noch einmal eine besondere Anforderung. Rückblickend scheint das gut gelungen, doch es erfordert sehr viel Klarheit, was und wie viel man zu leisten in der Lage ist und ein gutes Selbstmanagement, das auch umzusetzen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird oft als Belastung erlebt, jedoch ist sie selten die Behinderung der Karriere. Das wiederum sind eher die oben beschrieben Aspekte der Stereotypisierung und der Beförderung nach Selbstähnlichkeitsprinzipien. Ich wünsche mir hier ein bisschen mehr schwedische Verhältnisse. Dort scheint es viel üblicher berufliche und familiäre Verantwortungen als eine Ganzheitlichkeit zu leben – von Vätern wie von Müttern. Das ändert natürlich sofort auch die Unternehmenskultur als solche.  

SUITS.: Als FidAR-Führungsmitglied haben Sie die Entwicklung des sogenannten FüPo-Gesetzes begleitet. Das Gesetz legt eine Geschlechterquote von mindestens 30% für Aufsichtsräte von voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Unternehmen, die ab dem Jahr 2016 neu besetzt werden, fest. Sicher stoßen sie täglich auf Quoten-Gegner. Was sagen sie denen?

BENNING-ROHNKE: Den Gegnern, die selbst einflussreiche Führungskräfte sind, sage ich: Keiner will die Quote. Sie ist jedoch das wirksamste Mittel, um die gewünschte Veränderung zu erreichen. Die Quotenregelung ist nur deshalb eingeführt, weil die zugesagten Selbstverpflichtungen kläglich gescheitert sind. Für das Scheitern sind genau diese Gegner verantwortlich. Den Frauen, die sich damit schwertun sage ich: Ob Deine Besetzung über die Quote erfolgt oder wie bei vielen Männern über Beziehungen aus dem Old Boys Club eingefädelt sind, ist egal. Wenn Du den Job hast, mach ihn gut. Dann kannst du zudem als Role Model wirken und andere Frauen ermutigen, es Dir gleich zu tun. Überhaupt sind gut überlegte gesetzliche Interventionen am Ende oft viel besser als von den Gegnern erwartet – denken Sie an die Einführung des Rauchverbots. Große Aufregung, die Gastronomie beschwor ihren Untergang, die Städte fürchteten vereinsamte Straßenzüge, Menschen klagten auf das Recht des freien Rauchens usw. Und heute? Heute sind alle froh, dass sie nicht mehr im Qualm sitzen. 

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Elke Benning-Rohnke ist Unternehmerin, Aufsichtsratsvorsitzende, Aufsichtsrätin und Beirätin. Ehrenamtlich ist sie zudem Vize-Präsidentin von FidAR e.V., einem bundesweiten Verein zur Förderung einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft. 2006 gegründet, zählt FidAR über 800 Mitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Leben – darunter übrigens auch viele Männer. Elke Benning-Rohnke bringt eine über 30-jährige Erfahrung aus Tätigkeiten in und für internationale Konzerne mit. Ihre Kompetenzen baute sie in namhaften Unternehmen wie Procter & Gamble, Kraft Jacobs Suchard in Deutschland und Kanada auf. Bereits nach zwölf Jahren wurde sie aufgrund ihrer Erfolge in den Vorstand der Wella AG berufen und verantwortete das B2B Geschäft weltweit. Sie hält neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende bei der H&Z AG in München. Sie  ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in München.


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